Jokers Blog Österreich

Blogeinträge (Tag-sortiert)

Tag: 11. September

Glück in Brooklyn

Brooklyn ist keine feine Gegend. Nicht so wie die schicke New Yorker Stadtteilschwester Manhattan, wo alles glänzt und funkelt. Nein, in Brooklyn geht es bunt zu und etwas rau, hier mischen sich alle nur denkbaren ethnischen Gruppen, und die Bewohner befinden sich nicht unbedingt immer auf der Gewinnerseite des Lebens. Ein wunderbares Biotop für einen Schriftsteller, den genau diese Gegensätze und die weniger glatten Biographien von Menschen interessieren.

BrooklynBridge_kl.jpgZum Beispiel für Paul Auster, der selbst in diesem pulsierenden Stadtteil New Yorks lebt. Wer seine „Brooklyn Revue“ zur Hand nimmt, bekommt genau das, was draufsteht: eine faszinierende, schillernde, farbige, derbe, humorvolle, philosophische Großstadt-Revue voller eckiger Charaktere. Es gibt eine kleine Ausreißerin, einen Ex-Galeristen, christliche Fundamentalisten, massenhaft gescheiterte Existenzen und natürlich den Erzähler Nathan, einen krebskranken Versicherungsmann, der sich von seiner soeben überstandenen Krankheit und seinen gescheiterten Beziehungen erholen will.

Paul Auster liebt sie alle. Das spürt man beim Lesen. Er blickt nicht herab auf die Getriebenen und Gescheiterten, sondern gibt ihnen eine Stimme und zeigt uns die vielen menschlichen Gesichter dieser Riesenstadt. Der Reigen der kauzigen Brooklyner Gestalten endet an einem Tag, der Geschichte schrieb: am Morgen des 11. September 2001, wenige Stunden, bevor das World Trade Center wie ein Kartenhaus zusammenfällt. Und weil er so schön ist, gibt es in diesem speziellen Fall den letzten Satz des Romans hier im Blog: „Aber noch war es erst acht Uhr, und als ich unter dem strahlend blauen Himmel die Straße entlang spazierte, war ich glücklich, mein Freund, so glücklich wie nur je ein Mensch auf dieser Erde.“

Die „Brooklyn Revue“ bei Jokers

Bild Brooklyn Bridge: Jens Kühnemund/pixelio

24.08.2010, 14.58 | (0/0) Kommentare | PL

Die Habenichtse

»Die Habenichtse« das klingt wahrhaftig nicht nach einem Kompliment. Und das soll es auch nicht sein. Wenn Buchpreis-Gewinnerin Katharina Hacker mit der Generation der Mitt- und Enddreißiger abrechnet, dann wird deutlich, dass hier niemand gebauchpinselt wird. Im Gegenteil. Die Hauptpersonen des Romans, Isabelle und Jakob, sind ebenso rastlos wie ratlos, wenn es um die Gestaltung ihres eigenen Lebens geht. Sie sind gebildet, wohlhabend und doch nicht mit sich im reinen. Als frischverheiratetes Paar gehen sie nach London Jakob ist Anwalt, Isabelle Grafikerin und erwarten, dass sich dadurch viele Türen öffnen, sie das Leben irgendwie mitreißt. Stattdessen erleben sie merkwürdige Dinge in der fremden Nachbarschaft und fühlen immer stärkere Entfremdung statt mehr Nähe. Das Viertel, in dem das Paar lebt, ist kein schicker Stadtteil, sondern ein Ort, der etwas latent Gewalttätiges ausstrahlt. Aber selbst das lässt die Protagonisten seltsam unberührt. Manchmal möchte man die beiden am liebsten an den Schultern packen und rufen: »Aufwachen! Lebt doch endlich mal euer Leben, statt nur so distanziert herumzustehen!« Nein, diese emotionalen Habenichtse kommen bei Katharina Hacker nicht gut weg, an ihnen perlt alles ab, was sie tatsächlich berühren könnte.

Dass die beiden sich am 11. September 2001 nach einer früheren Verabredung wiedertreffen, ist hier ein geglückter Kunstgriff, denn bei dieser medial erlebten Katastrophe kann man so gut einen auf betroffen machen, ohne selbst wirklich involviert zu sein. Und genau diese Distanz in allen Lebenslagen passt zu Isabelle und Jakob als typische Vertreter ihrer Generation. Als Leser allerdings muss man damit klarkommen, dass einem die Hauptpersonen so gar nicht ans Herz wachsen wollen. Aber dafür bekommt man einen klugen, wachen, sprachlich ausgefeilten Roman, der am Puls der Zeit und absolut lesenswert ist.

Die Habenichtse zum Jokerspreis

http://www.jokers.de/3/13664534-1/buch/die-habenichtse.html

16.04.2010, 12.07 | (0/0) Kommentare | PL

Einblicke in den Terrorismus

Einige Jahre dachten wir in Mitteleuropa, dass sich mit dem letzten Attentat der RAF Anfang der 90er Jahre die Jahrzehnte des Terrorismus dem Ende zuneigen würden. Damals, am 01. April 1991 wurde der Chef der Treuhandanstalt, Detlev Karsten Rohwedder, ermordet.

Die Atempause war kurz: Auch wenn sich andere europäische Untergrundorganisationen mehr oder weniger still verhielten, auch wenn beispielsweise immer wieder über die Waffenniederlegung der ETA diskutiert wurde – die Anschläge des „11. September“ versetzten die ganze Welt in Angst und Schrecken. Und mit der Panik und Verzweiflung erwachte erneut eine seltsam morbide Faszination für die Thematik des Terrorismus.

Mein Leben bei al-QaidaEnde September kommt nun der Film „Der Baader-Meinhof-Komplex“ in die Kinos. Das gleichnamige Buch von Ex-„Spiegel“-Chef Stefan Aust ist seit seinem Erscheinen ein Bestseller, jetzt wird es pünktlich zum Kinostart des Films und versehen mit Bildern neu aufgelegt.

Mit der Auflösung der RAF 1998 schien der Terror gebannt. Doch schon arbeiteten neue Terror-Zellen an weiteren blutigen Übergriffen, um ihr politisches Ideal durchzusetzen. „Mein Leben bei al-Quaida“ erzählt autobiografisch vom entsetzlichen Doppelleben des Omar Nasiri. Der Untertitel „Die Geschichte eines Spions“ deutet darauf hin, dass Omar riskante Aufträge zu erfüllen hatte: So sollte er die Trainingslager der Dschihadisten auskundschaften...

Spannend wie ein Krimi liest sich diese Beschreibung der wahnwitzigen Terroristenausbildung, die der Londoner absolvierte. Die tief gehenden Einblicke in die Welt des Dschihad haben mich persönlich am meisten gefesselt. Und ich bin froh, dass Omar Nasiri sich entschied, dieses Buch zu schreiben statt als Terrorist aktiv zu werden, um irgendwann als Filmvorlage zu dienen.


(geschrieben von Matthias Stöbener)

25.11.2008, 14.57 | (0/0) Kommentare | PL

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