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Dracula in Wien

Bram StokerWien kommt in vielen Büchern vor. Doch beim berühmtesten Grusel-Roman aller Zeiten taucht Wien schon im ersten Satz auf: „3.Mai/Bistritz - Am 1. Mai um 20.35 Uhr Abfahrt aus München. Ankunft in Wien um 6.46 Uhr mit einer Stunde Verspätung.“ Richtig, es ist der erste Satz aus „Dracula“, dem Vampir-Bestseller des Irländers Bram Stoker. Der erste „Dracula“-Satz stammt aus dem fiktiven Tagebuch eines Jonathan Harker, der den unheimlichen Graf Dracula auf seiner Burg in Transsylvanien aufsuchen musste. Der Graf, der sich später als wüster Blutsauger herausstellte, wünschte einen Wohnsitz in London. Harker war der Angestellte einer Londoner Immobilien -Agentur.

„Dracula“ war der Höhepunkt der zweiten Gothic-Novel-Welle, die im deutschsprachigen Raum Schauer-, Grusel- oder Sensationsromane genannt werden. Für meinen Wien-Trip hatte ich mir Stokers Kurzgeschichten mitgenommen. Gleich die erste, mit dem Titel „Draculas Gast“, führt mich nach Österreich. Ein Brite geriet in der Walpurgisnacht auf einen verwunschen Friedhof in einem leeren Dorf in der Steiermark. Dort erlebte er vor dem riesigen Grabmal der Gräfin Dolingen von Gratz Schreckliches: Eine Frauenleiche wurde vom Blitz wiederbelebt. Dann fiel ein Wolf über ihn her. Soldaten retteten ihn vor der Bestie. Auf dem Rücken eines Pferdes, hinter einem Soldaten sitzend, gelangte der Engländer wieder zurück nach München. Wieder bestens versorgt im Hotel „Vier Jahreszeiten“ erfuhr der Brite den Grund seiner Rettung. Es war ein Telegramm, das im Hotel eingetroffen war. „Tragen Sie ja Sorge um meinen Gast. Wie oft drohen Gefahren durch den Schneefall, von Wölfen, von der Nacht. Verlieren Sie keine Sekunde, sobald sie vermuten, es könnte ihm etwas zugestoßen sein.“ Absender: Graf Dracula! Diese Geschichte war von Stoker eigentlich als Einleitungs-Erzählung zu seinem „Dracula“ gedacht gewesen.

DraculaAuch die anderen Grusel-Geschichten von Stoker machten mir Lust auf mehr Gänsehaut. Ich ging ins Literatur-Haus von Wien und ließ mir die literarischen Angstmacher-Produkte von österreichischen Autoren zeigen. Sie präsentierten mir die Bücher von Karl Hans Strobl (1877-1946), geboren in Iglau, gestorben in Perchtoldsdorf. Mit seinem Roman „Eleogabal Kuperus“ hatte Strobl das Vorbild für den Filmbösewicht Dr. Mabuse geschaffen. Geschichten wie „Die knöcherne Hand“ oder „Gespenster im Sumpf“ gehören zu seinen bekanntesten. Mit seiner Story vom „Grabmal auf dem Pére Lachaise“ schrieb er auch eine mysteriöse Vampir-Geschichte. Ein weiterer österreichischer Grusel-Autor war Gustav Meyrink, geboren 1868 in Wien, gestorben 1932 in Starnberg. Verfilmt wurde Meyrinks Schauerroman „Der Golem“. Eine alte Sage aus Prag. Besonders fasziniert hat mich natürlich Meyrinks Erzählung „Walpurgisnacht“. Damit schloss sich der Kreis. Ich war auch mit dem Zug, über München, wie einst Jonathan Harker, nach Wien gekommen. Und Meyrink war nach München gegangen, wo er als Bankier und Journalist arbeitete und beim Kabarett „Simplicissimus“ aufgetreten war.

Was soll ich sagen? Nachdem es draußen, vor dem Literaturhaus, langsam dämmrig wurde, wanderte über meinen Rücken ein komisches Kribbeln. Ich nahm mir vor, diese Nacht in meinem Hotelzimmer das Licht brennen zu lassen. Und lesen, zum Einschlafen, konnte ich später im Bett nur richtig lustige Angstvertreiber-Sachen.

Fortsetzung folgt.

06.04.2007, 01.00

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