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Ein Abend mit Poe
Kürzlich lud mich ein Freund zu einem Video-Abend mit alten Film-Klassikern ein. Zuerst sahen wir „Die Schatzinsel“, danach „Der Untergang des Hauses Usher“ mit Vincent Price. Beide Filme hatte ich schon vor Urzeiten gesehen, konnte mich aber nicht mehr wirklich an sie erinnern. Umso gefesselter war ich von den Geschichten. Vor allem der subtile Grusel Poes, der fast ohne Schockeffekte, Blut und Gemetzel auskommt, faszinierte mich. So etwas ist man ja heutzutage fast nicht mehr gewohnt! Schon am folgenden Abend kramte ich sämtliche Werke Poes raus, die mein Regal hergab, zündete ein paar Kerzen an und machte es mir auf der Couch mit einem schönen Glas Rotwein gemütlich. Bald stellte sich heraus, dass ich mich von den „subtilen Gruseleffekten“ hatte täuschen lassen. Die Geschichten waren gruseliger, als gedacht. Ich begann den Abend mit „Der Untergang des Hauses Usher“, was ich ja zuvor als Film gesehen hatte. Angenehme Schauer liefen über meinen Rücken und ich schlug „Die Maske des roten Todes“ auf. Ich staunte über die dichte, spannungsgeladene Atmosphäre, die Poe schuf. Dann war „Hopp Frosch“ dran. Vor allem die detaillierten Charakterstudien beeindruckten mich, das grässliche Ende weniger, es war einfach zu vorhersehbar.
Durch meine Textanalysen in Sicherheit gewogen, und überzeugt, keine unangenehmen Horrormomente mehr zu erleiden, schlug ich „Der Fall Waldemar“ auf. Ich hatte mich getäuscht! Die Geschichte packte mich sofort, der grausige Höhepunkt bereitete mir eine Gänsehaut wie schon lange nicht mehr. Und als ich beim Umblättern auch noch von einer detailgenauen Zeichnung des „Falls Waldemar“ überrascht wurde, standen mir die Haare zu Berge. Verunsichert legte ich das Buch weg. Und ließ die Nachtischlampe so lange brennen, bis meine Frau sie ausschaltete. Man sollte die Klassiker nicht unterschätzen.
(geschrieben von Matthias Stöbener)
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