Jokers Blog Österreich

Hommage an Coehlo

Letztens flog eine Freundin mit einer bunt gemischten Reisegruppe nach Nepal, um dort im Himalaja bergzuwandern. Sie erzählte, dass sie mit ihren Reiseplänen im Vorfeld auf starke Reaktionen in ihrer Familie stieß: Ihre Mutter wurde vor Sorge hysterisch, während ihr Vater seufzend feststellte, dass das wohl der Jugendtraum eines jeden Menschen ist.

Das Einzige, was meine Freundin bekümmerte, war der lange Flug: Mit einem Zwischenstopp in Saudi-Arabien betrug die reine Flugzeit doch mehr als 12 Stunden. Was um alles in der Welt sollte sie als Reiselektüre mitnehmen?

CoelhoIch als alter Bücherwurm wusste natürlich sofort, dass kein anderes Buch als Paulo Coehlos „Alchimist“ hier in Frage kam. Nicht, weil das Buch so dick ist, nein: In wenigen Stunden hat man die mystische Suche nach sich selbst verschlungen. Aber dieser große Roman lädt zum Wieder- und Wieder-Lesen ein: Jeder Satz ist ein Kunstwerk, jede Passage eröffnet neue Perspektiven. Denn Coehlo schafft spielerisch, was nur wenigen anderen Autoren gelingt: Er eröffnet dem Leser seine ganz eigene, persönliche Welt. Der Leser findet sich auf jeder Seite wieder, erfährt im Lesen so viel über sich selbst wie sonst nur in Stunden intensiver Selbstreflexion.

Meine Freundin zog also mit dem „Alchimisten“ im Handgepäck los. Und kam etwas verärgert wieder: Nicht, weil ihr diese mitreißende Geschichte nicht zugesagt hätte. Nicht, weil sie diese Erzählung nicht mehrere Male begeistert gelesen hätte. Die Gruppe hatte schließlich vereinbart, dass jeder nur ein Buch mitnehmen sollte: Man wollte „book sharing“ betreiben, um Reisegewicht zu sparen. Verärgert war sie, weil die meisten ihrer Gruppe scheinbar ähnliche Gedanken wie ich hatten: Von 10 Personen hatten sieben (!) den „Alchimisten“ dabei. Zwar in verschiedenen Sprachen - aber dennoch immer das gleiche Buch. Und da wurde das Beschaffen von neuem Lesestoff nach dem Büchertausch-Prinzip dann doch etwas schwierig!

Coehlo bei Jokers



30.07.2006, 11.51 | (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Autoren

Vom zu leichten Vergessen

Kürzlich wollte ich wieder mal ein wenig Laufen. Es kann ja nie schaden, ein wenig für die Badehosen-Figur zu tun. Also zog ich mir kurzerhand nach Feierabend meine Laufschuhe an und trabte los: Am Lech entlang wollte ich. Weit kam ich allerdings nicht - ein immenses Polizeiaufgebot versperrte mir den Weg. Erst, als ich mich partout nicht wegschicken lassen wollte, informierte mich ein freundlicher Polizist: Eine alte Fliegerbombe war gefunden worden. Mitten im Lech, keine zwei Meter unter der Wasseroberfläche, angeblich noch scharf.

KriegDas Gebiet war weiträumig abgeriegelt, Anwohner evakuiert, Straßen gesperrt worden, kurz: Es herrschte Chaos pur. Ein Münchner Spezialkommando entschärfte das Ding schließlich und wenige Stunden später konnte das Leben wieder seinen gewohnten Gang nehmen. Gejoggt bin ich an jenem Abend allerdings nicht mehr.

Es ist eine seltsame Vorstellung, dass wir, obwohl der Krieg nun schon so viele Jahrzehnte vorbei ist, immer noch neben seinen Überresten leben: Es vergeht ja kaum ein halbes Jahr, in dem nicht an einem anderen Ort eine übrig gebliebene Bombe entdeckt wird.

Doch diese Art der unliebsamen Überraschungen hat noch eine weitere Konsequenz als die Aufregung: So wird uns immer wieder ins Gedächtnis gerufen, was damals geschah. Vergessen ist schließlich leicht und gefährlich. Solche scheußlichen Funde stoßen uns immer wieder mit der Nase darauf, was Kriege anrichten, welches Verbrechen sie an der Menschheit begehen.

Krieg, Krieg und noch mal Krieg



28.07.2006, 10.36 | (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Sachbücher

Ein Hilferuf

Über unsere Gedichte-Datenbank erreichte mich der Hilferuf eines Lyrikfreundes. Paul schrieb:

Hallo Jokers,

seit längerer Zeit suche ich nach dem Autor und den kompletten Text eines Gedichtes aus einem alten Schul-Lesebuches aus dem Jahre 1956. Der Anfang geht in etwa so:

Zur Dämmerstunde sitzen wir  stumm
um Großmutters eichenen Tisch herum.
Das Herdfeuer flackert, die Bäume rauschen,
Großmutter erzählt, wir Kinder lauschen.

Das Gedicht war sehr lang; es hatte 8 bis 10 Strophen. Es würde mich freuen, wenn der Joker was finden würde. Grüße aus Bocholt, ein Gedicht-Freund namens Paul.

Meine Recherchen ergaben, dass Paul auch schon über andere Communities und Lyrikwebseiten gesucht hat. Seit 2004. Und immer noch scheint er nicht fündig geworden zu sein. Auch ich muss passen. In unserer Jokers Gedichte-Datenbank sind zwar schon ca. 12.000 Gedichte gesammelt, aber das gesuchte Gedichte ist nicht dabei.

Aber vielleicht gibt es ja unter den Jokers Blog-Leserinnen und –Lesern jemanden, der sagt: Ja klar, das Gedicht kenne ich. Es ist von …


27.07.2006, 15.08 | (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Nebensächliches

Endlich Gitarrist!

GitarreIch habe es geschafft: Nach vielen Jahren des Zögerns und des Hinausschiebens habe ich mir jetzt endlich eine Gitarre gekauft. Nicht, dass ich darauf spielen könnte. Noch nicht. Aber das wird, glauben Sie mir. Ich habe mir gleich ein Buch zum Selbstunterricht gekauft. Jetzt übe ich fleißig Griffe und Tonleitern. Meine Nachbarn sind weniger begeistert, aber je länger ich übe, umso besser werde ich und wer weiß, vielleicht singen die Nachbarn ja eines Tages mit?

Vielleicht bin ich bis dahin auch schon in der Lage, Musikwünsche zu erfüllen – „Angie“ von den Rolling Stones zum Beispiel kann man in groben Zügen bereits „erhören“. Außerdem habe ich mir auch noch einige Notenbücher dazu besorgt. So verfüge ich jetzt über eine komplette Sammlung der Beatles-Hits für Gitarre und Klavier! Und wenn es weiterhin so gut läuft… Wer weiß? Es gibt noch viele Instrumente, die ich lernen könnte. Ich wollte immer schon einmal Geige lernen oder Saxophon …

Auch gitarrenbegeistert?


26.07.2006, 09.12 | (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Sachbücher

Thomas Mann und der Goethepreis

Thomas Mann"Fantasie haben heißt nicht, sich etwas auszudenken, es heißt, sich aus den Dingen etwas zu machen."

Der Grund, warum ich gerade heute dieses wundervolle Zitat des begnadeten Thomas Mann bringe, ist einfach: Heute vor 57 Jahren wurde der Nobelpreisträger der Literatur von 1929 mit dem Goethepreis der Stadt Frankfurt ausgezeichnet. Zu Ehren des Geburtstages Goethes am 28. August wird diese wertvolle Ehrung alle drei Jahre an Personen vergeben, deren schöpferisches Wirken einer dem Andenken Goethes gewidmeten Ehrung würdig ist, wie es etwas steif heißt. Der Goethepreis ist derzeit mit 50.000 Euro dotiert und besticht durch einebesondere Ästhetik: Er besteht aus einer auf Pergament geschriebenen, künstlerisch gestalteten Urkunde.

Thomas Mann (06.06.1875 - 12.08.1955) erreichte insbesondere mit seinen Romanen wie Buddenbrooks - Verfall einer Familie, Der Zauberberg, Lotte in Weimar und Doktor Faustus international große Bedeutung. Essays wie Betrachtungen eines Unpolitischen, Das Problem der Freiheit, Versuch über Schiller, Über Goethe sollte man kennen.

Der Gegner des Nazi-Regimes, der lange Jahre in Amerika im Exil verbrachte, schaffte es wie kein anderer, seine Weltsicht eindringlich darzustellen. Ein Ausschnitt aus seiner Radiorede zum Ausbruch des 2. Weltkriegs verdeutlicht dies:

Thomas Mann„Wäre dieser Krieg zu Ende! Wären die grauenhaften Menschen erst beseitigt, die Deutschland hierhin gebracht haben, und könnte man anfangen, an einen Neubeginn des Lebens, an ein Forträumen der Trümmer, der inneren und äußeren, an den allmählichen Wiederaufbau, an eine verständige Aussöhnung mit den anderen Völkern und ein würdiges Zusammenleben mit ihnen zu denken! – Ist es das, was ihr wünscht? Spreche ich damit eure Sehnsucht aus? Ich glaube es. Ihr seid des Todes, der Zerstörung, des Chaos übersatt, wie sehr euer Heimlichstes zeitweise danach verlangt haben möge. Ihr wollt Ordnung und Leben, eine neue Lebensordnung, wie düster und schwer sie sich für Jahre auch anlassen wird."

Aber: Mann war ein Träumer wie kein anderer. Er entführte sein Publikum in andere Welten, erschuf fantastische Wirklichkeiten vor den Augen seiner Leser. Für ihn galt: "Ihr aber seht und sagt: Warum? Aber ich träume und sage: Warum nicht?"

Thomas Mann bei Jokers


25.07.2006, 08.22 | (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Autoren

Hier kommt die Flut…

HochwasserGenau eine halbe Stunde, 30 Minuten – so lange hat es gebraucht, bis neulich der komplette Keller meiner Mutter unter Wasser stand. Davor und danach herrschte das schönste Sommerwetter, nur dazwischen brach ein kleines bisschen Katastrophen-Feeling über das beschauliche Dörfchen herein, in dem meine Mutter wohnt. Es war Gott sei Dank kein häuserzerstörendes Unwetter. Allerdings liegt Mutters Häuschen direkt an einem Hang und der verwandelte die Regenmassen kurzerhand in eine kleine Schlammlawine, die auf ihrem Weg ins Tal auch in ihrem Keller vorbeischaute. Nun, das Schlamassel hat durchaus auch einen positiven Effekt, der die Schipperei und den schmerzenden Rücken beim Aufräumen wert war.

So ein Keller hat ja die Funktion ein mehr oder weniger hübsch hergerichteter Abstellraum für Nicht-mehr-Benötigtes zu sein. Und so wanderten endlich alte Schränke, mein Ikea-Schreibtisch, auf dem ich seinerzeit Hausaufgaben gemacht hatte, und das alte Jugendstil-Sofa, auf dem die Katze deutliche Spuren hinterlassen hatte, in den Müll. Hinzu kam, dass sich die Gemeinde sofort bereit erklärte, den Sperrmüll, der kurz zuvor noch als Mobiliar galt, kostenfrei abzuholen.

Wirklich geschmerzt hat es mich nur, dass im Brackwasser auch einige Bücher herum schwammen. Neben dem Stapel mit alten Zeitungen – Hand aufs Herz, meine Mutter hätte diese auch ohne Überschwemmung nie mehr „durchgearbeitet“ - wurde auch ein Bücherstapel durchweicht, der im Keller darauf gewartet hatte, uns auf dem Flohmarkt noch ein paar Euros in die Taschen zu spülen. Nur ein Buch wurde vom Wasser verschont, da es ganz oben auf gelegen hatte: „Feng Shui – oder die Kunst, Altes loszulassen“…

Feng Shui bei Jokers


24.07.2006, 08.25 | (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Bücher allgemein

Nur die Liebe zählt

Liebe – das einfachste Thema der Welt und doch das schwerste. Das bewies mir neulich wieder ein guter Freund. Eigentlich könnte er ja so unglaublich glücklich sein. Frisch verliebt in eine junge Dame, die sich zu ihm nicht weniger hingezogen fühlt als er zu ihr. Und doch hadert er. Und ich bin schuld. Warum? Ich habe ihm vor einigen Wochen, einfach nur, weil ich selbst dieses Buch immer wieder gerne selbst lese und ein großer Fan des Autors bin, „Die Kunst des Liebens“ von Erich Fromm empfohlen. Jetzt hat er das Buch nicht gelesen, er hat es buchstäblich verschlungen. Und jetzt steht in seiner Gefühlswelt quasi kein Stein mehr auf dem anderen.

Erich Fromm - Die Kunst des Liebens„Ich habe nie wirklich geliebt! Überhaupt lieben die meisten Menschen nicht wirklich, alle machen sich etwas vor!“ höre ich seit Tagen wie vom Schallplattenspieler. Doch es kommt noch schlimmer: „Alle großen Romanzen sind rein das Resultat neurotischen Verhaltens.“ Sogar die Liebe von Romeo und Julia wird von Erich Fromm angezweifelt. Doch das geht mir zu weit! Sicherlich hat Fromm Recht, dass oft das Bedürfnis, selbst geliebt zu werden, verwechselt wird mit wahrer Liebe. Dass sich viele Menschen in eine Beziehung werfen aus Angst davor, allein zu sein. Weil sie sich selbst zu wenig lieben. Doch damit den Zauber, die Großartigkeit, die Liebe immer mit sich bringt, generell über Bord zu werfen, das geht mir zu weit. Damit verbunden würden ja auch alle großen Werke der Literatur, der Malerei, der Musik in Frage gestellt. Poesie, Dramatik, Dichtkunst – all das soll nur das Werk manisch veranlagter Persönlichkeiten sein, die blind nach einem Menschen suchen, der sie liebt? Nein, nein! Ich halte mich da definitiv an Goethe: „Und doch, welch Glück, geliebt zu werden, und lieben, Götter, welch ein Glück!“

Erich Fromm bei Jokers günstig


22.07.2006, 12.01 | (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Sachbücher

Englisch ganz leicht

Eine Freundin war bis vor kurzem auf Jobsuche. Nach Dutzenden von Bewerbungen, die sie verschickt hatte, wurde sie zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Klar, dass die Freude erst mal groß war – bis sie in dem Schreiben las, dass das Gespräch auf Englisch geführt werden sollte. Die Firma ist nämlich ein Tochterunternehmen einer amerikanischen Großfirma.

In der Schule hatte sie viele Jahre Englisch gelernt: Ob ihr Englisch wohl für das Gespräch ausreichte? Sicher war sie sich nicht. Aber wie sollte sie auf die Schnelle ihren aktiven und passiven Wortschatz aufpolieren? Dass sie gerade keine Zeit hatte, nächtelang Vokabeln zu pauken, war auch nicht gerade von Vorteil.

Als sie neulich bei uns zu Besuch war, stolperte sie fast über einen Stapel alter Taschenbücher, die wir aussortiert hatten: Wir wollten sie an die Kinder unserer Freunde verteilen, die Lesestoff für die Ferien brauchten. Viele englische und amerikanische Romane und Krimis befanden sich unter der Urlaubslektüre- meine Frau ist leidenschaftlicher Thrillerfan. Vorzugsweise liest sie die Krimis im Original. Über diesen Stapel fiel also unsere Bekannte – und jubelte auf: Hatte sie gerade einen Thriller ihrer Lieblingsautorin French entdeckt. Auf Englisch!

So schlug sie gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Der spannende Krimi half ihr über die Aufregung vor dem Vorstellungsgespräch hinweg – denn wer Mörder jagt, hat wohl vor künftigen Chefs keine Angst. Und ganz nebenbei polierte sie ihr Englisch auf – und bekam ihren Traumjob. Ungelogen!

Englische Krimis bei Jokers


20.07.2006, 15.49 | (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Englische Bücher

Eine kleine Sommer-Studie

HitzeDer einzige Ort, an dem ich es in meiner Freizeit derzeit noch aushalte, ist definitiv der Baggersee. Allerdings kann ich hier, wie die meisten Arbeitenden auch, nicht mein Büro aufbauen. Darum habe ich mich vergangene Woche einmal umgesehen, wie andere Hitzegeplagte gegen Schweiß und stehende Luft vorgehen.

Methode 1 – für Genießer:
Auch wenn es noch so stressig ist, Tastatur, Kopf und Telefon noch so rauchen: ein Hand-Eis geht immer. Meinen guten alten Bekannten A. sehe ich die letzten Wochen grundsätzlich mit einer Schlecktüte in der Hand. Eine Kugel jeweils, wohlgemerkt. Aber davon schätzungsweise fünf Wiederholungen am Tag. Ob und wie er das Hand-Eis am Schreibtisch ablegt, ist mir leider nicht überliefert. Mein Fazit: Abkühlung mit (Eis am) Stil.

Methode 2 – für Abenteurer:
Eine kleine Wanne kaltes Wasser, Füße rein – herrlich. Zugegeben: Die Methode meines Bekannten B. ist effektiv, aber auch rasant gefährlich. Immerhin befinden sich unter seinem Schreibtisch nicht nur seine Beine, sondern auch Rechner, Kabel und Steckleisten. So mancher könnte hier schnell seinen kühlen Kopf verlieren und angesichts der Gefahr erst recht ins Schwitzen kommen. Mein Fazit: Abkühlung mit Gefahrenzulage.

Der Traum von AbkühlungMethode 3 – für Verwöhnte:
Ein Klassiker, aber immer wieder gerne genommen: der Ventilator. Auch wenn er alles davon bläst, was nicht niet- und nagelfest ist, und schon wahre Akten-Stürme verursacht hat, der „Fan“ ist doch der Beste. Angenehme Luftzirkulation, angeregte Debatten mit Tischnachbarn, wer ihn länger benutzen darf, und eine gewisse Hollywood-Atmosphäre sind inklusive. Doch erzählte mir neulich Bekannter C., er überlege, den Ventilator wieder abzuschaffen. Seit der Luftwirbler in seinem Zimmer stünde, würden sich immer so viele ungebetene Kollegen ohne eigenen „Fan“ davor herumtreiben… Mein Fazit: Abkühlung mit Niveau.

VentilatorMethode 4 – für Glückspilze:
Eine Klimaanlage im Büro ist in Sommern wie diesem Gold wert. Alle, die sie genießen dürfen, werden von ihren schwitzenden Kollegen beneidet. Und doch hört man auch hier immer wieder Klagen. „Von diesem wunderbaren Wetter draußen krieg ich den ganzen Tag überhaupt nichts mit“, beschwerte sich mein Bekannter D. Außerdem erkälte er sich regelmäßig, weil er nicht mit Jacke zur Arbeit gehen wolle. Mein Fazit: Abkühlung für Fortgeschrittene.

Welche Methode die beste ist? Ich bevorzuge nach wie vor den Badesee…

Und Sie?

19.07.2006, 11.54 | (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Nebensächliches

Das Jahr der Behinderten

 Wussten Sie, dass 2006 das Jahr der Behinderten ist?

2006 ist das Jahr der BehindertenViel ist im täglichen Leben davon leider nicht zu spüren. Meine Freunde jedenfalls erschütterten kürzlich mit einer kleinen Anekdote meinen Glauben an die Toleranz vieler Mitbürger: Sie haben einen geistig behinderten Sohn – vor wenigen Tagen feierte er Geburtstag, seinen 22. Sie luden die Behinderten-Werkstatt, in der er arbeitet, in den Biergarten ein. Natürlich meldeten sie sich vorher beim Wirt an, klärten bereits 14 Tage zuvor den Speise- und Getränkeplan, wiesen darauf hin, dass es sich um eine Gruppe von 40 Behinderten handelt.

Zuerst war alles gar kein Problem – wochenlanges Regenwetter hatte dem Wirt das Geschäft versaut und er war froh über die Feier in seiner Gastsstätte. Doch dann entschied sich Petrus anders: Wir wurden endlich von der Sonne verwöhnt, und das Biergartengeschäft blühte richtig auf. Als meine Freunde dann drei Tage vor der Party nochmals dort anriefen, um letzte Details zu klären, wollte der Wirt sie kurzerhand wieder ausladen – die Feier könne nicht in seinem Biergarten stattfinden.

2006 ist das Jahr der BehindertenEs war natürlich unmöglich, so viele Menschen kurzfristig woanders unterzubringen, was der Wirt schließlich einsah. Er reservierte der Truppe den hinterletzten Tisch in dem großen Biergarten. Als die geselligen Gäste eintrafen, mussten sie über Stock und Stein, Treppen und Wurzeln steigen, um zu den Tischen zu gelangen. Auch die Bänke waren nicht vorbereitet, auf das Essen warteten sie über eine Stunde. Obwohl alles vorbestellt war. Was meine Freunde jedoch am meisten traf: Innerhalb einer halben Stunde war der Biergarten wie leergefegt – alle anderen Gäste hatten vor der lachenden und scherzenden Geburtstagsgesellschaft Reißaus genommen. Scheinbar konnten sie den Anblick so vieler behinderter Menschen auf einmal nicht verkraften.

Wo ist die Toleranz geblieben? Ist die Angst vor dem Unbekannten tatsächlich so groß? 2006: Wirklich das Jahr der Behinderten?

18.07.2006, 15.40 | (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Nachdenkliches

Spring dich frei!

 Badewetter„Hurra, was haben wir dieses Jahr doch für einen wunderschönen Sommer!“ Mit diesem Ausruf auf den Lippen kam am Wochenende ein guter alter Freund bei mir vorbei, um mich kurz zu besuchen. Sein listiger Hintergedanke war ein anderer. „Mensch, bei dir ist es ja brütend heiß! Stell dir vor, das Wasser im Freibad hat 25 Grad!“ Er brauchte gar nicht mehr lange weiter zu reden. Sofort hatte ich Badehose und Liege eingepackt und wir waren auch schon auf dem Weg. Es war einfach herrlich. Bei strahlendem Sommersonnenschein schwammen wir im Sportbecken brav ein paar Bahnen und schauten den Kindern beim Rutschen und Springen zu.

Doch dann überkam es meinen Freund. „Ich will rutschen“, hörte ich aus dem Mund des 38-jährigen Geschäftsführers. Glücklicherweise konnte ich ihm diese Peinlichkeit für uns beide gerade noch ausreden. Immerhin handelte es sich auch wirklich um eine Kinderrutsche mit so geringem Gefälle, dass wir beiden „gestandenen Mannsbilder“ schon nach wenigen Metern nur noch mit den Händen schiebend vorangekommen wären. „Gut, aber dann springen wir wenigstens.“ Sprach´s, und schon war er auf dem Weg, die Leiter zum Fünf-Meter-Brett zu erklimmen.

Was soll ich sagen. Natürlich konnte ich da nicht einfach unten stehen bleiben und zusehen, wie sich mein alter Freund vor den Badegästen zum Narren macht. Also bin ich mit hinauf. Und da standen wir auch schon. In einem Pulk Kinder, die alle springen wollten, von denen jedoch schon einige so lange mit sich haderten, dass sie von der Sonne bereits gefährlich gebräunt waren.

SchwimmbadMit einer Entschlusskraft, die ich sonst nur von seinem Geschäftsgebaren her kenne, schob mein Spezi die Zaudernden bei Seite und – sprang! Als ich vollkommen perplex nach unten sah, wo mein Freund gerade an den Beckenrand schwamm, fiel mir auch schon ein, warum ich mich seit über 20 Jahren nicht mehr in dieser Lage befunden hatte: Ich habe panische Angst vor Höhe! Fünf Meter sind zwar nicht besonders hoch, doch für mich war es, als stünde ich auf dem Wiener Stephansdom. Ich warf einen unsicheren Blick auf die Kinderschar, die sich mittlerweile um mich herum gebildet hatte, und hämisch grinsend auf meine Blamage wartete. In einem Buch über „mehr Selbstbewusstsein“ hatte ich neulich gelesen, man solle sich Angstsituationen bewusst stellen und diese, ohne groß nachzudenken, meistern. Das war jetzt wohl die Gelegenheit dazu. Ich nahm Anlauf, schloss die Augen und sprang.

Als ich schließlich vollkommen derangiert wieder auftauchte, gratulierte mir mein Freund: „Das war wirklich ein toller Schrei!“ Mein brennender Hintern verriet mir zudem, dass ich in einer wenig eleganten Körperhaltung aufgekommen sein muss. Aber immerhin: Ich bin gesprungen. Doch noch glücklicher bin ich darüber, dass es in diesem Freibad kein Zehn-Meter-Brett gegeben hat…

16.07.2006, 14.54 | (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Zum Schmunzeln

Bücher hat man nie genug

Buecherwurm ;-)Meine kleine Nichte hat den Literaturwettbewerb an ihrer Schule gewonnen. Klar, dass ich riesig stolz auf sie bin! Die Kleine ist 8 Jahre alt und geht in die 2. Klasse. Vielleicht kennen Sie das noch aus Ihrer Schulzeit: Einmal im Jahr wird ein Kunstwettbewerb veranstaltet. Die kleinen und größeren Kinder dürfen malen, schreiben, dichten, wozu sie auch immer Lust haben. Das beste Gemälde und der beste Text jeder Klasse werden prämiert. Doch die restlichen Künstler gehen nicht unbedingt leer aus: Es kommen Lose in einen Topf und mit ein bisschen Glück können auch sie ganz tolle Preise gewinnen. Denn die Gewinne sind wirklich beeindruckend: von Zirkuskarten über einen Tag im Legoland bis hin zu Sportschuhen.

Die Kinder, deren Werke ausgezeichnet wurden, dürfen auswählen, bevor die restlichen Prämien verlost werden. Ich war bei dem Schulfest dabei, als meine Nichte ihren ersten gewonnenen Preis aussuchte: Mit riesigen Augen stand sie vor dem einladenden Preistisch, betrachtete die unzähligen Verlockungen. Insgeheim tippte ich darauf, dass sie sich die rosafarbenen Skater aussuchen würde. Sie nahm mal einen enormen Stoffteddy in den Arm, strich mit ihrem Händchen über ein niedliche Haarschmuck-Set - und griff schließlich mit sicherer Geste nach einem Buch.

Buecherwurm ;-)Ein Buch! Meine kleine Nichte hat sich ein Buch ausgesucht! Ich war baff... Bücher hat sie doch schon so viele! Im Anschluss an das Fest fragte ich sie natürlich, weshalb sie sich bei diesem großen Ereignis ausgerechnet ein Buch wählte. Zugegeben, es war ein sehr hübsches Buch, das die Meereswelt behandelte, und meine Kleine interessiert sich sehr dafür. „Weißt du, Onkel“, strahlte sie mich an, „die rosa Skater waren auch sehr schön und in den Zirkus will ich auch. Aber: Das Buch bleibt mir viiiiel länger!“

14.07.2006, 14.37 | (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Bücher allgemein

Ein unnützer Appell

fussballOleoleole: Die Welt ist Gast bei Freunden. Nur Bären sind nicht willkommen, aber das weiß man ja, seit sie am Aussterben sind.
Oleoleole: Vielleicht haben die Astrologen doch Recht, dass ein Überraschungsland den Pokal holt?
Oleoleole: Sogar bei ausgestecktem Fernseher kann man dem Fußballfieber nicht entkommen.
Oleoleole: Es ist die Zeit, in der sogar die Radsportler Fußballtrikots tragen.
Oleoleole: Ich kann die Schoko-Fußbälle im Supermarkt nicht mehr sehen!
Oleoleole: Ständig werde ich gefragt, warum ich so unleidlich bin.
Oleoleole: Meine Lieblingskneipe hat sich in einen Fernsehturm verwandelt.
Oleoleole: Ich habe gelernt, mit Ohrenstöpseln zu schmökern.
Oleoleole: Mein Lieblingslesesessel ist nun ein Chipstüten-Bierdosen-Abfalleimer.
Oleoleole: Wann wird die Impfung gegen das Fußballfieber erfunden?
Oleoleole: Wenn es so weiter geht, fange ich an Weihnachten zu lieben!
Oleoleole: Bitte, lasst mich wieder in Ruhe lesen!

10.07.2006, 14.10 | (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Nebensächliches

Panik in der Puppenkiste

Peter Garski vor JVA Augsburg.Er ist eine literarische Allzweckwaffe, ein Geheimniskrämer, ein genialer Schriftsteller mit wenig Sinn für die bürgerlichen Sekundärtugenden: Peter Garski. Sein aufrührerisches Wesen, seine Unangepasstheit brachte ihn schon hinter Gitter und jeder, der mit ihm zu tun hat, so sagt er, braucht gute Nerven. In den letzten Jahren spezialisierte er sich auf Krimis: Der Perlachmord, Der Intendant stirbt dramatisch, Der Plärrer-Killer, Das Fuggerei-Phantom und jetzt Panik in der Puppenkiste sind seine stärksten Veröffentlichungen auf diesem Gebiet. Heute hatte ich exklusiv die Gelegenheit den Mann, der im Zusammenhang mit einem Enthüllungsbuch über den Moshammer-Mord schon für Aufmacherseiten bei der BILD, tz und Abendzeitung verantwortlich war, zu interviewen.

Jokers:
Bei den Recherchen zu Ihrer Person habe ich allerhand gefunden. Zum einen haben Sie einen recht bewegten Lebenswandel, zum anderen scheinen mehrere Personen hinter dem Pseudonym Peter Garski zu stecken. Wer ist Peter Garski wirklich?

Peter Garski:
Wie können Sie so neugierig sein? Meine Person ist ein Geheimnis. Sie glauben gar nicht, wie viel Kopfgeld für meine Person gezahlt wird. Es gibt einige Leute, die nicht wollen, dass ihre Schandtaten von mir hemmungslos aufgedeckt werden. Wie mein Krimi-Held Klaus Kessler bin ich ein Verwandlungs-Künstler. Mal bin ich der, mal der. Schließlich will ich Krimis mit Hochspannungs-Garantie schreiben, da muss ich am besten unerkannt in alle gesellschaftliche Schichten eintauchen, vom Rotlichtmilieu bis zum Börsianer-Club, von der Junkie-Kneipe bis zum Golfplatz der Filmstars.

Der PerlachmordJokers:
Ihr neuer Krimi heißt "Panik in der Puppenkiste". Worum geht es?

Peter Garski:
Mit den Fäden einer bekannten Marionette wird in der Augsburger Puppenkiste ein Puppenspieler brutal erwürgt. Es beginnt eine wilde Hetzjagd nach dem unbekannten Mörder. Der Ermittler Klaus Kessler, der mit seinem Kumpel Romanski als Schrottsammler unterwegs ist, wird dabei aus einem Swinger-Club entführt und muss die Voodoo-Heilerin Matata vor einem durchgeknallten Messerstecher in einer Wallfahrtskapelle bewahren. Brandpfeile fliegen und ein Milchtanker wird angeschossen. Irgendwann kommt Klaus Kessler auch einem dubiosen Promi-Arzt auf die Spur, der bei älteren kinderlosen Frauen gegen viel Geld für den gewünschten Nachwuchs sorgt, auch mit kriminellen Mitteln.

Jokers:
Ich habe gesehen, dass Sie schon mehrere Krimis, die in Augsburg und Umgebung spielen, veröffentlicht haben. Was reizt sie an Augsburg? Ist Augsburg ein mörderisches Pflaster?

Das Fuggerei-PhantomPeter Garski:
Auf jeden Fall. Schon seit über zweitausend Jahren laufen hier zwischen Lech und Wertach böse Buben und wilde Mädels durch die Gegend. Die Römer verbrannten die Afra, die Landsknechte töteten im Dreißigjährigen Krieg manchen Pfeffersack hemmungslos und die Halbstarken hatten nach dem Krieg tödlichen Streit mit den US-GIs. Es gibt in Bayerns immerhin drittgrößten Stadt einige ungeklärte Frauenmorde und selbst der als Moshammer-Mörder verurteilte Mann hat in Augsburg gearbeitet und gelebt. Übrigens wurde Augsburg nicht nur durch den legendären Schlagerkönig Roy Black bekannt, sondern auch durch den Vater von Wolfgang Amadeus Mozart und den reichen Fugger, der wohl auch nicht immer ganz legal seinen Reichtum zusammenraffte. Nicht zu vergessen wurde in Augsburg auch Bert Brecht geboren, der Autor der "Dreigroschenoper", in der die Verbrecher vom Haifisch singen, der gefährliche Zähne hat.

Jokers:
Kann man von Augsburg-Krimis leben? Oder was machen Sie sonst noch?

Der Intendant stirbt dramatischPeter Garski:
Die Augsburg-Krimis laufen immer besser. Inzwischen zählt meine Krimi-Reihe mit ihren fünf Bänden, so sagt mein Verlag, zu den größten Krimi-Reihen in Bayern. Wir kommen mit dem Drucken kaum noch nach. Echt. "Panik in der Puppenkiste" war schon nach vier Wochen ausverkauft. Die zweite Auflage wird bereits ausgeliefert. Wir wundern uns auch über den ungewöhnlich guten Verkauf in den deutschsprachigen Ländern. Der zieht ständig an. Wir raten noch immer, was die vielen Leser an Augsburg-Krimis fasziniert. Warum lesen immer mehr Leute Augsburg-Krimis? Das muss der der Ermittler Klaus Kessler mit seinem Freund Helle noch herausbekommen. Tipp: Vielleicht, weil ich versuche, Krimis mit Herz, Hirn, Humor und Hochspannung zu schreiben?

Damit ich nicht vor dem Computer an der Tastatur beim Schreiben vertrockne, arbeite ich auch noch für diverse Zeitungen und Magazine als Journalist. Unter anderem schreibe ich Storys über interessante Menschen. Außerdem beteilige mich auch als Jury-Mitglied bei literarischen Wettbewerben. Eine wahnsinnig spannende Sache, die mich beim Lesen der vielen Werke tief in die Seelen von unbekannten Menschen katapultiert.

Jokers:
Krimis schreiben ist eine Kunst. Was ist das Wichtigste an dieser Kunst?

Peter GarskiPeter Garski:
Auf jeden Fall Spontaneität und keine Rücksicht auf Gefühle, vor allem nicht auf die eigenen. Ich wundere mich oft selbst, wie ich harmloser, mitleidiger, zartfühlender Mensch, der schon Gewissensbisse bekommt, wenn er einem Hund aus Versehen auf den Schwanz tritt, gemeine Mörder auf unschuldige Opfer loshetzt. Ein Krimi, finde ich, braucht schräge Gestalten, überraschende Action, eine Portion Erotik und alle Sorten von Humor, die manche übel gemordete Leiche leichter ertragbar machen. Und es muss saftiges, derbes, heftiges Alltagsleben rein. Wer meine Krimis liest, der bekommt einen Cocktail aus Elektroschock, Zuckerwatte, Dessous-Shop und total verrückter Verfolgungsjagd plus einiges mehr.

Jokers:

Lieber Herr Garski, Jokers dankt Ihnen für das Interview!

Alle Krimis von Peter Garski sind bei A&M zu bestellen.

10.07.2006, 10.35 | (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Autoren

Mehr als kalter Kaffee

Hand auf’s Herz: Sind Sie Kaffee- oder Teetrinker? Immer wieder stelle ich erstaunt fest, dass sich die Menschen in der Tat ziemlich genau in diese Gruppen einteilen lassen. Nach dem Motto „man liebt es oder man hasst es“ gibt es selten Schattierungen dazwischen. In Geschäftsgesprächen erntet man mitunter sogar einen reichlich verwunderten Blick, wenn man anstatt des obligatorischen Kaffees doch lieber Tee wünscht.

TeeliebeIch für meinen Teil muss gestehen, ich bin ein Teetrinker. Und ich liebe es, die Zubereitung von Tee ein bisschen zu zelebrieren. In unserer Küche stehen dutzende Teebüchsen befüllt mit wohlduftenden Tees, von Pu Erh, über Earl Grey oder Rooibos bis hin zu Lapacho. Eine gute Tasse Tee zu einem guten Buch, das ist für mich eine Kombination wie Sommer und Balkon.

Ab und an darf es natürlich auch eine Tasse Kaffee sein. So ein radikaler Tee-Fan bin ich dann auch nicht. Aber dann steigt mir das ungewohnte Koffein schnell zu Kopf bzw. zu Herz. Irgendwie bekommt mir Tee besser. Und: Ich stehe einfach auf das Besinnliche beim Zubereiten, auf das Aufbrühen, Ziehen lassen, Abtunken. Alles andere ist irgendwie kalter Kaffee …

07.07.2006, 15.09 | (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in:

Eine Korrespondentin in Moskau

Basilius-KathedraleVor einigen Tagen traf ich mich mit Olga in Tauplitz, das in der Nähe von Bad Ischl liegt. Olga kenne ich seit dem ersten Jokers Lyrik-Preis. Damals schickte sie ein Gedicht aus Moskau ein. Weil mich interessierte, wer hinter dem Gedicht steht, mailte ich ihr und erfuhr, dass sie Germanistik studierte. Seit dieser ersten Mail sind Hunderte von Mails zwischen ihr und mir geschrieben worden, wir haben uns auch schon in der Offline-Welt getroffen, zum letzten Mal im besagten Tauplitz, wo sie an der Tagung einer österreichischen Dichtervereinigung teilnahm. Als wir nachmittags in einem Café von Bad Ischl saßen, kamen wir auf das Jokers Blog zu sprechen und ich fragte sie, ob sie nicht Lust hätte, im Blog mitzuschreiben, sozusagen als Korrespondentin für Jokers in Moskau. Ich merkte, dass sie etwas unsicher war, die Aufgabe aber reizvoll fand. „Aber was soll ich denn schreiben?“, fragte sie. „Unser Blog beschäftigt sich mit Literatur, das weißt du ja. Schreib also über das, was du studiert hast: über deutsche Literatur aus russischer Sicht oder schreib über russische Literatur damals und heute. Zeig deutschen Lesern, dass die russische Literatur auch heute noch lebt und etwas zu sagen und nicht nur die Klassiker zu bieten hat.“ Olga nickte. „Ja, das wäre eine Aufgabe, da hast du Recht. Aber ob ich das kann, ich weiß nicht.“ „Versuch´s einfach“, ermunterte ich sie. Heute nun erreichte mich folgende Mail von Ihr:

Moskau Stadtführer„Lieber Matthias,

ich hab sehr lange nachgedacht, was ich für das Jokers-Blog schreiben könnte. Das Beste wäre, so meine ich, mit der Vorstellung der Stadt, aus der ich komme, zu beginnen. Ich habe bei Jokers in der Suche einfach "Moskau" eingetippt und gesehen, dass ihr relativ viele Bücher über Moskau habt. Ich habe einen Reiseführer über Moskau entdeckt, vielleicht könnte er im Artikel erwähnt werden? Wenn dir das Geschriebene nicht gefällt oder aus irgendwelchen Gründen nicht passt, gib bitte Bescheid. Ich werde mich auf dein Feedback freuen.

Hier mein erster Text:

Ich stand heute am Fenster in meiner kleinen Küche und beobachtete, wie bleischwere Wolken den Himmel über meiner Heimatstadt bedeckten. Zehn Minuten dauerte es, bis die Sonne keine Chance mehr hatte durchzukommen. Am Himmel knurrte es wie im Magen eines hungrigen Tieres. Ein starker Wind aus dem Westen hob den Pappelflaum in die Luft und jagte ihn wie Schnee durch die staubigen Straßen.

Plötzlich zerriss ein ungestümer Blitz die Wolken, danach krachte es heftig im Himmel, und ich sah die ersten großen Regentropfen auf die Gehwege fallen. Nach und nach verstärkte sich der Regen, und so stand bald die Riesenstadt machtlos da, überrumpelt vom Brüllen des Himmels, den heftigen Attacken des Regenfalles und den frechen Stichen des Blitzes. Eine Weile war Moskau hinter der dichten Wassermauer kaum mehr zu sehen.

Moskau BahnhofAllmählich ließ das Gewitter jedoch nach. Sonnenstrahlen durchbohrten die spärlich werdenden Wolken und fanden endlich den Weg zur Erde. Ich betrachtete die erfrischten Baumkronen der Linden im Hof unserer Wohnanlage und stellte mir vor, wie schön es jetzt wäre, einen Spaziergang über den Roten Platz zu machen, zu beobachten, wie die Sonne im Gold der Kuppeln des Zarenglockenturms spielt, wie sie die mächtige Kremlmauer liebkost und sich in den großen Schaufenstern des GUM spiegelt. Ich stellte mir den großen bunten Regenbogen über der Steinbrücke vor, die mit einem Fuß im Moskva-Fluss und mit dem anderen im Jausa-Fluss steht. Mit einem Lächeln auf den Lippen verließ ich unsere Wohnung, um mich in der Tiefe des U-Bahn- Tunnels zu verstecken und in einer halben Stunde im Herzen meines geliebten Moskau wieder aufzutauchen.“

Warum soll ich entscheiden, ob mir der Text, ob mir die Idee einer Russland-Berichterstatterin gefällt? Ich hatte ja schließlich die Idee. Mich interessiert euere / Ihre Meinung: Wollt ihr, wollen Sie hier im Blog hin und wieder etwas über die Literatur Moskaus / Russlands von einer Russin lesen? Wenn ja, engagiere ich sie als Co-Autorin und stelle sie vor.

07.07.2006, 09.27 | (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Fremdbeiträge

Der Bär, das Problem

braunbaer„Bären dieser Welt, meidet Bayern!“ Dieser Aufruf stach mir vor ein paar Tagen entgegen, als ich die morgendliche Zeitung aus dem Briefkasten fischte. Tja. Es ist tragisch, aber wahr: JJ1, jener „Problembär“, der seit Mai durch Südtirol, Italien über Tirol, Österreich bis nach Bayern gewandert war, fand sein Ende, kurz nachdem die Behörden ihn „zum Abschuss frei gegeben“ hatten. Zugegeben, auf seiner Wanderung hat er einige Schafe und unzählige nicht weiter bekannte Kleintiere gerissen, viele Bergbewohner, Wanderer und Mountainbiker in ängstliche Unsicherheit oder gar Panik und Schrecken versetzt. Aber eigentlich wünschen sich doch die Bayern, dass die Alpen wieder von ihren ursprünglichen Bewohnern, wie eben Bären oder Wölfen besiedelt werden. Und dann schafft es ein Bär endlich nach über 170 Jahren, sich bis an den schönen Schliersee durchzuschlagen, und dann dieses.

braunbaerEigentlich hätte JJ1 das wissen müssen. Freigeister haben es in bayerischen Regionen schwer. Schon vor 130 Jahren machte sich hier Georg Jennerwein einen Namen als „Wilderer“. Auch er wurde „hinterrücks“ erschossen, allerdings weiß man bis heute nicht, ob von königlichen Jägern oder von einem eifersüchtigen Freund.

Ob nun der öffentliche Aufruf an die Bären dieser Welt fruchten wird? Werden sich auch Blau-, Erd- und Himbeeren angesprochen fühlen? Immerhin werden auch sie seit Jahrtausenden massenweise grausam niedergemetzelt und verzehrt. Allerdings nicht nur in Bayern. Was wohl Pu der Bär zur bayerischen „Problem-Lösung“ sagen würde? Er hätte sicher die Schafe Ruhe gelassen und auch Bergsportler, Wanderer und Bewohner kaum behelligt. Zu leiden hätten allerdings die Imker gehabt, immerhin ist der gelbe Kuschelbär ja bekannt für seine Sucht nach Honig. Oder hätte sich der Bär „von sehr geringem Verstand“, beschwingt durch den Ruf der Wildnis, auch hinreißen lassen und sich an allem bedient, was seinen Weg kreuzte? Vielleicht getreu seinem Lieblinsglied: „Singt Ho! Leben soll Pu! Er braucht einen kleinen Mundvoll ab und zu!“

GummibaerchenSind Bären generell eine Gefahr und nur in Naturparks oder Zoos zu ertragen? Was ist mit Gummi-, Kuschel- und Teddybären? Müssen auch sie jetzt dem Aufruf der Medien „Bären dieser Welt: Meidet Bayern?“ folgen?

Zum guten Bärenbuch bei Jokers
 

05.07.2006, 15.23 | (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: In der Presse

Reell, aber schnell!

Freizeitbeschäftigung ComputerspielVor zehn Jahren kam in Japan eine Erfindung auf den Markt, die noch heute die Welt bewegt. Am 23. Juni 1996 startete die Spielekonsole Nintendo ihren Siegeszug rund um den Globus. Ihr entsprangen Figuren wie der Klempner „Super Mario“, das Fantasy-Game „The Legend of Zelda“ und nicht zuletzt der erste Ansturm von „Pokémons“. Nicht, dass ich auch nur eins der Spiele je selbst getestet hätte, aber aus Freundeskreis, Medien und nicht zuletzt über meinen Sohn erreichten diese Welten schließlich auch mich.

Mir als Buch-Addict sind PC-Spiele nicht ganz fremd, immerhin kann Spielen auch ein ganz schöner Zeitvertreib sein. Wie oft sieht man heute schon Kinder und Erwachsene an Bushaltestellen mit dem Handy in der Hand lustig vor sich hinpiepen? Öfter, als mit einem Buch in der Hand leise vor sich hin lesen! Richtig schlimm wird es natürlich erst, wenn es nicht mehr die so genannten „Jump-and-Run“-Games sind, in denen es also rein ums Ausweichen und Sammeln geht, sondern „Ego-Shooter“-Spiele, die Krieg, Waffen und Gewalt verherrlichen.

Jump-and-Run in EchtzeitÜbel wird mir, wenn ich lesen muss, dass viele Kinder von heute gar nicht mehr mit einem normalen Ball umgehen können. Einfache Bewegungsabläufe wie Werfen und Fangen werden zum Problem. Wie wäre es mit „Jump-and-Run“ in Echtzeit? Der Trend geht daher mittlerweile deutlich in Richtung Bewegungs-Spiele. Zwar vor einem Monitor, also immer noch in der virtuellen Welt, aber immerhin mit realen Bewegungen, Sprüngen und reiner Muskelkraft werden Punkte gesammelt, wird in höhere Levels vorgestoßen.

BücherregalliebhaberAuch Bücher werden virtuell. Das digitale Buch – ein Bildschirm in Buchformat, der tonnenweise Bücherinhalte speichert und wiedergibt – ist schon lange nichts Neues mehr. Aber auch hier ist es ähnlich wie bei den Spielen: Es ist halt nichts zum Anfassen. Und ich stelle doch so gerne meine gelesenen Bücher ins Bücherregal …

05.07.2006, 09.51 | (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Bücher allgemein

Moderne Zeiten

The Rolling Stones.jpgIch war 16 Jahre alt, als ich zum Schrecken meiner Eltern die erste selbst gekaufte Schallplatte nach Hause brachte. Eine 45er, eine Single. Also eine kleine gerillte Scheibe mit 17 Zentimeter Durchmesser, die mit 45 Drehungen in der Minute auf dem gummibelegten Plattenteller rotierte. In der Mitte dieser Single war ein großes Loch, das mit einer so genannten Spinne zu einem kleinen Loch reduziert wurde, damit sich die Scheibe auf dem kleinen metallenen Stift in der Mitte des Plattentellers schön regelmäßig drehen konnte. Normalerweise lagen auf dem Teller des Plattenspielers meiner Eltern, einem damals supermodernen Zehnplattenwechsler der Marke Dual, die Single von Fred Bertelmann mit seinem „Lachenden Vagabund" oder von Heidi Brühl der Titel „Wir wollen niemals auseinander gehen" oder Renè Carols „Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein". Aber auf meiner Scheibe waren die Rolling Stones zu hören. Infernalischer Lärm, auch Beat-Musik genannt, Titel: „The Last Time". Oder später die Krawall-Kollegen mit den vier Pilzköpfen namens „The Beatles" aus Liverpool.

Ausgerechnet ich, ein gut erzogener, Sonntags in die Kirche gehender braver Junge, schockierte meine Eltern mit dem Gebrüll englischer Musiker. Meine Eltern waren tolerant. Ich durfte die Scheibe anhören, während sie das Zimmer verließen. Und wenn ich die Rückseite spielte, „Play With Fire", eine wunderbare Ballade, die ich auch heute noch sehr liebe, schloss meine Mutter die Zimmertüre nicht ganz so heftig wie bei dem krachigen Song von der Seite A der Single. Unglaublich - aber wahr: Damals war man noch mit zwei Liedern zufrieden. Die nudelte man eben Tag und Nacht herunter. Das war toll, sensationell. Und wunderbar: Alle über 16 schüttelten verständnislos den Kopf, waren sauer und verstanden nicht, was diese wahnsinnige Scheibe mit den langhaarigen Schreihälsen für uns bedeutete, die wir zu Hause, auf der Party oder mit dem Kofferplattenspieler im Freibad oder am Baggersee hörten.

MASTER OF ROCK.jpgUnd heute? Heute werden auf einem MP3-Player hunderte, gar tausende Songs heruntergenudelt. Damals wurde der Beat die „britische Sound-Invasion" genannt. Heute bohrt sich die Sound-Invasion durch den MP3-Player durch die Gehörgänge. Jederzeit durch Knopfdruck abrufbar und mit der Shuffle-Funktion in beliebiger Folge abspielbar. Stundenlang. „The Last Time" dauerte knapp drei Minuten. Dann musste die Single vom Plattenspieler genommen und umgedreht werden, damit „Play With Fire" dran kommen konnte. Der Stones-Sound war damals im normalen österreichischen Radio-Programm tabu. Abgesehen von Hitparaden für die Jugend. Ein Mal in der Woche.

Am Anfang ihrer Karriere spielten die Rolling Stones in London vor fünfzig Leuten in einem Club. Zwei Jahrzehnte später konnte ich die Stones dann schon im Supermarkt hören, als ich die Kühltruhe nach Essbarem durchsuchte. Ich war schockiert. Der Sound der Revolution im Kaufparadies! Aber warum sollte das nicht sein? Und bald spielten die Stones für die ganze Familie in Stadien. Keine Eltern liefen mehr davon. Im Gegenteil, sie schleppen ihre Kids rein. Gestern las ich im Internet eine Anzeige: „Erleben Sie das Konzert des Jahres wie ein Roadie. Das bietet Ihnen nur die Amercian Express: Backstage-Zutritt zu den Rolling Stones bei ihrer 2006-Tour A Bigger Bang." Unglaublich - aber wahr! Vom Bürgerschreck zum Wirtschaftsfaktor! Die Stones brachten noch viele Songs heraus. Die Beatles auch und die Who und die Kinks und die Troggs und Deep Purple und Led Zeppelin und Queen und die Sex Pistols und Duran Duran und U2 und und und. Ein Strom nicht endender starker Musik riss mich mit.


Vielleicht sollte ich mir den neuesten MP3-Player zulegen, mit einer Speicherkapazität von über 10.000 Songs? Und dann mit American Express bezahlen. Ich studiere wehmütig den Slogan von der Kreditkartenfirma neben einem Mund mit herausgestreckter Zunge: „My life. My Card." Tja, da fehlt doch noch: My Sound. My Feelings. My Dreams. Mick Jagger sang auf meiner ersten Single:„So don't play with me, cause you play with fire … this could be the last time …" Glaubt mir, das ist wahr!

Rock/Pop bei Jokers

04.07.2006, 19.53 | (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Nebensächliches

Gegen die Wand gelesen

Lesen im BiergartenEin Geständnis: Ich bin letzten Samstag sehr unangenehm aufgefallen. Und zwar mit einem Buch. Nicht, dass der Titel oder der Inhalt anstößig gewesen wäre – nein. Einfach nur die Tatsache, dass ich ruhig da saß und las, sorgte für ungläubiges Staunen um mich herum. Sätze wie: „Wie kann der ausgerechnet hier lesen!?“, „Spinnt der?“ umflogen mich wie Speere. Derweil ist dieser Ort, an dem ich gelesen habe, für Bücherliebhaber besonders im Sommer durchaus geläufig und stark frequentiert. Nur eben nicht jetzt.

Tatort: der Biergarten meiner Lieblingsgaststätte. Nur zwei Details machten den großen Unterschied zu sonstigen Sommernachmittagen: Die Großbildleinwand und (natürlich!) die Fußball-WM. In dem lauschigen und gemütlichen Lokal werden nämlich täglich die wichtigsten Spiele live übertragen – es ergibt sich eine Kombination, die derzeit magische Anziehung besitzt, auch auf die größten Fußball-Muffel: Bier, Freiluft, Fußball, Menschenmengen.

Lesen im BiergartenSo kam es dann auch, dass es mich bereits zwei Stunden vor dem Anpfiff zum entscheidenden Spiel Deutschland – Schweden, in die besagte Lokalität trieb. Um rechtzeitig noch Plätze zu ergattern, für mich und meinen Kumpel. Und was mache ich normalerweise allein wartend in einem Biergarten? Ich lese. So auch dieses Mal. Inmitten all des Trubels, der hin- und hergestemmten Bierkrüge, der von allen Seiten wehenden Fahnen, der lautstarken Tröten und Gesänge, versuchte ich mich auf Marlen Haushofers „Die Wand“ zu konzentrieren. Nicht, um aufzufallen, provozieren wollte ich auch nicht, erst recht niemanden beleidigen. Ich hatte nur schlicht (noch) kein Interesse an dem Geschehen auf der Leinwand. Gehen konnte ich auch nicht einfach, ich musste ja Plätze frei halten.

Allerdings gab ich meine militante Lesehaltung bald auf, zu groß war das Getöse, zu entsetzt die Reaktionen meiner Tischnachbarn. Ich war hoch erfreut, als mein Freund früher als gedacht erschien und eine Radler-Maß vor mich auf den Tisch stellte. Wie weggewischt war plötzlich der sorgenvolle Gesichtsausdruck der anderen, und ich gehörte wieder zu den Menschen. Mit einem leisen, aber resignierten Seufzer ließ ich schließlich mein Buch unauffällig wieder in meiner Tasche verschwinden – gegen eine Großbildleinwand hat nicht einmal Marlen Haushofer eine Chance…

04.07.2006, 08.24 | (0/0) Kommentare | PL | einsortiert in: Autoren

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